Testtour
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Lehrstück Kunsthalde Stuttgart:

Wie "Artist Taxi" das Standart-Gekünstlere überfliegt und seinen zynischen Zug erhält

Chris und Kiki in der Kunsthalde an deren "Tag der offenen Tür" am 15.7.2012. Nicht-konforme Verhaltensweise und Berichterstattung über den Ort wurde uns von zwei "Hauspaten" untersagt. Beide Paten bezeichneten sich als von den Kunsthaldebewohnern eingesetzte Zuständige für das Einhalten der Hausordnung. Ich erlaube mir den Einsatz des Wortes "Angstkünstler". Wir mutierten also aufgrund der schriftlichen Angst-Aufforderung durch zwei Kunsthalden-Paten von Artisten zu Touristen. Hier im Foto von Mike Satow bewegen wir Art-Touristen uns ein wenig hinter den Kulissen.
Äußerlich gibt es da nicht zwingend einen Unterschied: Wir Fahrer und Beifahrer in "Artist Taxi" sind Touristen, nicht wahr? Es ist das Innerliche. Es ist das Wissen und die Richtung. Riskant sind Gefühlsgäste wie Überheblichkeit, Verächtlichkeit, Zynismus, Spöttelei.

Wir wissen: Das von uns Besuchte ist aus Sicht der Besuchten mal keiner Betrachtung wert, mal versuchen die Besuchten das zu verfälschen, was über sie berichtet wird. Uns Artisten nun ist das Besuchte gezielt das wert, was wir daraus machen.

Hat mensch sich von den Klischees befreit, mit der das Besuchte ihn begrüßt - Unwert und Bluffwert - naht die Explosion des Artisten: Wir machen aus beinahe allem - und da geht es um Belangloses, Kleines, Naheliegendes, Mickriges, Übersehenes ebenso wie um Aufgeplustertes, Hohles, Leertönendes - da machen wir beinahe alles draus: Pathetisches, Kulturhistorisches, Dekoratives, Malerisches, Hässliches, Obszönes, Statistisches...

Kaum haben wir so begonnen - aus dem Nirwana kommend, zum Allerlei strebend - kanalisieren wir unsere Optionen Richtung Motivation: Wir treten näher heran an uns: Was wollen wir in der Seele, in den Bedürfnissen, in unseren Visionen, wir, die wir hier die Gnade einer freien Zeit erhalten, in der wir es uns leisten, "den Touristen" zu spielen?

Bei unserer Artist-Taxi-Testtour fuhren wir zu viert zum "Tag der Offenen Tür" einer Stuttgarter Kultur-Fiktion, die ich im Sinne der Fiktionsdarsteller hier nicht mit dem offiziellen Namen benenne, sondern (kicher, der Begriff trifft) als "Kunsthalde" bezeichne.

Vorweg hatte ich per e-mail an die im Internet gefundene Adresse der "Kunsthalde" den geplanten Artist-Taxi-Besuch umrissen. Unabhängig voneinander erhielt ich von zwei sich dort als zuständig erklärenden "Hauspaten" die mail-Antwort, ich dürfe keine eigene Aktion durchführen und müsse beim Besuch eine respektvolle Haltung gegenüber den Kunsthalde-Künstlern zeigen.

Wir ließen also Becircungsversuche über uns ergehen und durchstolperten Kulturfragmente. Ich fotografierte überhaupt nicht. Mike übernahm das, danke. Der von den Paten passivierte Besuch wurde uns nach dreißig Minuten langweilig. Wir liefen hinter die Kulissen und entlang an der charmant verfallenden Rückseite des Kunsthalden-Gebäudes.

Bei einem unangekündigten Vorwegbesuch am 8.7.2012 hatte ich die Kunsthalde ausgiebig durchstreift mit einer Bilanz, die im Prinzip auch anderswo zu finden sein mag: Von fünfzig in das Projekt aufgenommenen Künstlern gehören zwei aufs Künstler-Podest, weitere zehn verdienen den Melancholie-Preis des ab Start chancenlosen, aber sympathischen Künstlers. Ansonsten wohnen dort achtunddreißig Bastler, Bluffer, Schrott-zu-Schrott-Macher.

Das Abschütteln des Schrotts, des touristischen Leerlaufs im Dialog mit leeren Offerten, wie sie eben den Touristen vor die Nase gehalten werden, war die etwas dumpfe kreative Leistung, mit der uns diese untersagte und damit zur Test-Tour erklärte Artist-Taxi-Fahrt in die Kunsthalde beschenkte. Im Prinzip befassten wir uns mit dem Navigieren des Besuches einer (Kunst-) Veranstaltung heraus aus dem, wohin die Besuchten uns dirigieren.

Eine Artist-Taxi-Tour wird nun zunächst mal nicht mehr zu einer Veranstaltung führen, die von sich in Anspruch zu nehmen versucht, "Kunst" zu bieten. Das Artist Taxi will nicht irgendwo hinfahren und das konsumieren und bei Bedarf karikieren, was dort bereitgehalten wird. Das ist zu banal, zu pubertär :-) Es braucht jeweils ein Konzept und einen Titel des Projektes. Es braucht vorweg geplante Impulse und manchmal ein Drehbuch.