| Äußerlich gibt es da nicht
zwingend einen Unterschied: Wir Fahrer und Beifahrer in "Artist Taxi" sind Touristen, nicht wahr? Es ist das
Innerliche. Es ist das Wissen und die Richtung. Riskant sind Gefühlsgäste
wie Überheblichkeit, Verächtlichkeit, Zynismus, Spöttelei.
Wir wissen: Das von uns Besuchte ist aus Sicht der
Besuchten mal keiner Betrachtung wert, mal versuchen die Besuchten das zu
verfälschen, was über sie berichtet wird. Uns Artisten nun ist das Besuchte
gezielt das wert, was wir daraus machen.
Hat mensch sich von den Klischees befreit, mit der das
Besuchte ihn begrüßt - Unwert und Bluffwert - naht die Explosion des
Artisten: Wir
machen aus beinahe allem - und da geht es um Belangloses, Kleines, Naheliegendes, Mickriges, Übersehenes ebenso wie um Aufgeplustertes,
Hohles, Leertönendes - da machen wir beinahe alles draus: Pathetisches,
Kulturhistorisches, Dekoratives, Malerisches, Hässliches, Obszönes,
Statistisches...
Kaum haben wir so begonnen - aus dem Nirwana kommend,
zum Allerlei strebend - kanalisieren wir unsere Optionen Richtung
Motivation: Wir treten näher heran an
uns: Was wollen wir in der Seele, in den
Bedürfnissen, in unseren Visionen, wir, die wir hier die Gnade einer freien
Zeit erhalten, in der wir es uns leisten, "den Touristen" zu spielen?
Bei unserer Artist-Taxi-Testtour fuhren wir zu viert
zum "Tag der Offenen Tür" einer Stuttgarter Kultur-Fiktion, die ich im Sinne
der Fiktionsdarsteller hier nicht mit dem offiziellen Namen benenne, sondern
(kicher, der Begriff trifft) als "Kunsthalde" bezeichne.
Vorweg hatte ich per e-mail an die im Internet gefundene Adresse der
"Kunsthalde" den geplanten Artist-Taxi-Besuch umrissen. Unabhängig
voneinander erhielt ich von zwei sich dort als zuständig erklärenden
"Hauspaten" die mail-Antwort, ich dürfe keine eigene Aktion durchführen und
müsse beim Besuch eine respektvolle Haltung gegenüber den
Kunsthalde-Künstlern zeigen. |
Wir ließen also Becircungsversuche über
uns ergehen und durchstolperten Kulturfragmente. Ich fotografierte überhaupt
nicht. Mike übernahm das, danke. Der von den Paten passivierte Besuch wurde
uns nach dreißig Minuten langweilig. Wir liefen hinter die Kulissen und entlang
an der charmant verfallenden Rückseite des Kunsthalden-Gebäudes.
Bei einem unangekündigten Vorwegbesuch am 8.7.2012 hatte
ich die Kunsthalde ausgiebig durchstreift mit
einer Bilanz, die im Prinzip auch anderswo zu finden
sein mag: Von fünfzig in das Projekt aufgenommenen Künstlern gehören zwei
aufs Künstler-Podest, weitere zehn verdienen den Melancholie-Preis des ab
Start chancenlosen, aber sympathischen Künstlers. Ansonsten wohnen dort
achtunddreißig Bastler, Bluffer, Schrott-zu-Schrott-Macher.
Das Abschütteln des Schrotts, des
touristischen Leerlaufs im Dialog mit leeren Offerten, wie sie eben den
Touristen vor die Nase gehalten werden, war die etwas dumpfe kreative
Leistung, mit der uns diese untersagte und damit zur Test-Tour erklärte
Artist-Taxi-Fahrt in die Kunsthalde beschenkte.
Im Prinzip befassten wir uns
mit dem Navigieren des Besuches einer (Kunst-) Veranstaltung heraus aus dem, wohin
die Besuchten uns dirigieren.
Eine Artist-Taxi-Tour wird nun zunächst
mal nicht mehr zu einer Veranstaltung führen, die von sich in Anspruch zu
nehmen versucht, "Kunst" zu bieten. Das Artist Taxi will nicht irgendwo
hinfahren und das konsumieren und bei Bedarf karikieren, was dort
bereitgehalten wird. Das ist zu banal, zu pubertär :-) Es braucht jeweils
ein Konzept und einen Titel des Projektes. Es braucht vorweg geplante
Impulse und manchmal ein Drehbuch.
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